Mittwoch, 15. Juni 2016

Classic Confessions: Übersetzung oder Original?

http://derzauberkasten.blogspot.de/p/uber-die-aktion.htmlDie Classic-Confessions-Aktion hat sich Antonia von Lauter&Leise ausgedacht. Jeden Mittwoch stellt sie eine Frage aus dem weiten und spannenden Feld der literarischen Klassiker - ganz meine Bühne! 


Bevorzugt ihr bei Klassikern die Originalsprache oder eine Übersetzung?


Also zunächst einmal versuche ich natürlich immer, wenn möglich und im Rahmen meiner Fähigkeiten, die Originalausgaben zu lesen. Im Englischen sowieso, auf französisch und in den skandinavischen Sprachen nach Möglichkeit (auch wenn es in letzteren zumindest im Bereich Romane nicht so viele Klassiker gibt). Meistens haben die Originalsprachen einen ganz eigenen Charme, und deutsche Übersetzungen, gerade bei älteren Werken klingen für mich schnell antiquiert. (Das bezieht sich allerdings auch auf deutsche Klassiker an sich.)

Allerdings interessiere ich mich (welch' Überraschung!) sehr dafür, wie Übersetzer die Originalsprache anderer Autoren einfangen und ins Deutsche transportieren, und lese daher durchaus von Zeit zu Zeit mal eine deutsche Übersetzung, allerdings am liebsten in Kombination mit dem Originalwerk, um sich der Unterschiede und Gemeinsamkeiten auch bewusst zu werden. Frankenstein, zum Beispiel, habe ich zuerst auf deutsch gelesen - und genervt aus der Hand gelegt, weil alles so... ungelenk klang. Ich kann nicht einmal benennen, was genau mit der Übersetzung nicht stimmte (vielleicht sollte ich sie nochmal lesen), aber sie hat mich überhaupt nicht abgeholt. Seitdem ich es auf Englisch gelesen habe, ist es eines meiner Lieblingsbücher.

Bei Gegenwartsliteratur erscheint mir der Unterschied nicht so gravierend, auch das Übersetzerhandwerk wird sich im Laufe der Zeit weiterentwickelt haben, deswegen lese ich Unterhaltungsliteratur (Chick-Lit, Thriller etc.) gerne in ihrer Übersetzung. Allerdings reagiere ich recht empfindlich darauf, wenn z.B. bei einer Romanserie plötzlich der Übersetzer wechselt, das bemerkt man, meiner Meinung nach, schon. (Ich frage mich, ob das für die Harry-Potter-Romane eher eine Verbesserung oder Verschlechterung gewesen wäre ...?)

Grundsätzlich halte ich Übersetzungen für unverzichtbar, nicht nur in der Literatur, sondern auch im Film, immer im Hinterkopf, dass nicht jeder sprachlich so gut ausgebildet und versiert ist, dass er alles im Original lesen und verstehen könnte. Viele, besonders Orchideensprachen würden uns zudem komplett verschlossen bleiben. Keine Skandinavienkrimis, keine russischen Klassiker, keine asiatische Literatur (wer versteht schon diese hunderttausend süßen Häuschen und Männchen?) für deutsches Publikum - Pech gehabt! Originalsprachensnobismus finde ich furchtbar anstrengend (immer wieder gerne: "Nein, ich schaue Filme nur im Original, die deutsche Synchro ist ja unerträglich!") - ich für meinen Teil bin froh, dass heutzutage jeder, unabhängig von Sprachkenntnissen und Bildung - die Möglichkeit hat, aus einem riesigen Fundus an Literatur und Film zu schöpfen. Und ich habe einen großen Respekt vor Übersetzern, die es schaffen, dem Ursprungswerk einerseits seinen Charakter nicht zu nehmen, und andererseits einen flüssigen, lesbaren Roman mit wiedererkennbarem Stil zu erschaffen.

Was denkt ihr? Übersetzungen: Hilfestellung oder Werk des Teufels?

Kommentare:

  1. Meine Meinung habe ich ja bei mir schon kund getan. Deinen letzten Satz finde ich bemerkenswert: der Respekt vor den Übersetzern. Den habe ich auch und zwar gewaltig. Ich denke, dass es inzwischen richtig gute talentierte Übersetzer/Innen gibt. Es gibt da bemerkenswerte Werke. Ich würde mal gerne deren Meinung dazu lesen.

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    1. Hallo Ingrid,

      Vielen Dank, dass du deine Spuren bei mir hinterlassen hast! Und danke auch, dass du gerade an diesen Teil meiner Antwort anknüpfst - seit etwa einem Jahr arbeite ich hin und wieder freiberuflich als Übersetzerin, und mittlerweile (nach mindestens einem wirklich lausigen Resultat) weiß ich, wie schwer es ist, den Tonfall eines Textes komplett und konsequent einzufangen - und wie mager dieser unsichere Job bezahlt und (nicht nur finanziell) honoriert wird, selbst wenn man Übersetzen studiert hat, oder schon seit Jahren in der Branche tätig ist... Gerade beim Literaturübersetzen muss ja mehr übertragen werden, als nur harte Fakten, und ich finde es immer sehr interessant, was für unterschiedliche Werke, sprich, Interpretationen herauskommen, wenn sich zwei Leute an die Übersetzung ein und desselben Romans machen:

      Beispielsweile die Übersetzungen des "Herrn der Ringe" von Carroux und Krege - ich habe zwar noch keine von beiden gelesen, sondern nur das Original, aber natürlich viele Ausschnitte und Zitate - und frage mich jedes Mal kopfschüttelnd, wie Krege, vierzig Jahre nach Carrouxs Übersetzung auf den Gedanken kommt, einem Hobbit das Wort "Chefchen" oder "Penner" in den Mund zu legen... andererseits gibt es ebenso Kritiker der Carroux-Version, also von daher werde ich wohl erstmal beim Original bleiben und mir vielleicht aus Spaß an der Freude mal die beiden deutschen Versionen angucken.

      Liebe Grüße,
      Alina

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