Montag, 7. November 2016

Rezension: Am Ende bleiben die Zedern (Pierre Jarawan)

Titel: Am Ende bleiben die Zedern
Autor: Pierre Jarawan
Genre: Roman
Verlag: Piper
Seitenzahl: 391
ISBN: 978-3-8270-7865-0
Format: eBook



"Wer glaubt, er habe den Libanon verstanden,
dem hat man ihn nicht richtig erklärt." (S. 4)

Mit diesem Zitat eines alten, libanesischen Sprichwortes beginnt der Poetry-Slammer und Autor Pierre Jarawan seinen im Jahr 2016 veröffentlichten Roman Am Ende bleiben die Zedern. Der in Jordanien geborene Autor mit deutschen und libanesischen Wurzeln schafft es in seinem Romandebüt, die lyrische Sprache seiner Bühnenpoetik, die Geschichte eines über Jahrzehnte hinweg gespaltenen Landes und das einfühlsame Porträt eines jungen Menschen auf der Suche nach seinem Vater und sich selbst zu einer mitreißenden Geschichte zu verflechten, der es weder an Spannung, noch an Emotionalität und geschichtlicher wie politischer Genauigkeit mangelt. Jarawan erhielt für Am Ende bleiben die Zedern das Literaturstipendium der Stadt München 2015, sowie den Bayrischen Kunstförderpreis 2016. 


Inhalt  
                                                  
Brahim El-Hourani ist verschwunden. Brahim, 1982 aus dem Libanon nach Deutschland geflüchtet, den man den „Geschichtenerzähler“ nennt, und der für seinen Sohn Samir die Welt bedeutet. Diese Welt bricht für den Achtjährigen plötzlich zusammen, als sein Vater das Haus verlässt und nicht wieder zurückkehrt. Erst zwanzig Jahre später findet Samir die Kraft, sich auf die Suche nach seinem Vater zu machen, in dieses mystische, politisch gespaltene Land mit den riesigen Zedern zu reisen, von denen sein Vater ihm immer zu erzählen pflegte – Fremde und Heimat zugleich für den erwachsenen Samir. Am Ende bleiben die Zedern erzählt in zwei Handlungssträngen von Samirs Suche in der Gegenwart und dem Zerfall seiner Familie nach dem Verschwinden des Vaters in der Vergangenheit, und führt zum Schluss beide Handlungsstränge im Libanon zusammen. 


Meinung

Schon vor Jahren war ich auf den Poetry-Slammer Pierre Jarawan aufmerksam geworden, besitze auch seine Slamtext-Sammlung Anders sein ist ganz normal. Was mich an Jarawans Stil so begeistert, ist seine unaufgeregte Poetik, wo andere Slammer laut werden, bleibt er leise, wo andere Slammer grelle oder ausgelutschte Wortspiele und Metaphern verwenden, da findet er kreative neue Bilder, manchmal hart an der Grenze zum Kitsch, immer etwas blumig aber stets im Bereich des Angenehmen. Umso gespannter war ich natürlich auf Jarawans Romandebüt – und wurde nicht enttäuscht. Auch in dem umfangreichen Prosawerk lässt sich sein unverwechselbar poetischer Stil auf jeder Seite herauslesen.

„Alles pulsiert, alles leuchtet. Beirut bei Nacht, diese funkelnde Schönheit, ein Diadem aus flirrenden Lichtern, ein Band aus Atemlosigkeit. Schon als Kind liebte ich die Vorstellung, einmal hier zu sein. Doch jetzt steckt mir dieses Messer zwischen den Rippen, und der Schmerz schießt in meinen Brustkorb, dass ich nicht mal schreien kann. Wir sind doch Brüder, will ich rufen [...] Ich fühle Angst in mir aufsteigen. Und Wut. Ich bin nicht fremd hier, will ich ihnen hinterherschreien. Das Echo ihrer Schritte verhöhnt mich. Ich habe Wurzeln hier, will ich rufen, doch heraus kommt nur ein Gurgeln.“ (S. 7)

Nach diesem kurzen, fulminanten Einstieg in Samirs Gegenwart, einen Überfall, dem er in Beirut zum Opfer fällt, springt die Handlung schlagartig zurück ins Jahr 1992 – Vater El-Hourani richtet eine Fernsehschüssel aus, bei 26,0° Ost gibt es libanesisches Fernsehen – noch ist alles gut. In den nächsten Kapiteln erzählt Samir aus seiner Kindheit, von seinem Vater und dessen Geschichten, seiner Mutter, seiner Schwester, Hakim, dem Freund seines Vaters und Yasmin, dessen Tochter – und vom Libanon, dem Libanon, den er aus den Geschichten seines Vaters und den Nachrichten im libanesischen Fernsehen kennt. Obwohl mir solche politischen und geschichtlichen Einschübe in Romanen bisweilen etwas öde vorkommen, und ich dazu tendiere, allzu umfangreiche Hintergrunddetails gelegentlich zu überspringen, kamen mir die Informationen an keiner Stelle ausufernd vor – stattdessen empfand ich sie als eine sehr gute Ergänzung zu Ari Folmans dokumentarischen Trickfilm Waltz with Bashir, mit dem ich mich im Zuge meines Studiums beschäftigen musste, und den ich in Kombination mit Jarawans Roman nur empfehlen kann.

Samirs Kindheit und die Geschichte des Libanons begleiten wir detailliert bis zum Verschwinden des Vaters, danach wird die Stimmung dieses Erzählstrangs ungleich düsterer und zeichnet ein Bild des heranwachsenden Samirs, dem der wichtigste Mensch in seinem Leben genommen wurde, seiner emotionalen Zerrissenheit und seinem Aufbegehren gegen sein Umwelt. Nicht immer ganz nachvollziehbar und verständlich, entwickelt sich Samir im Erzählstrang der Vergangenheit zu einem sehr egozentrischen Protagonisten, der sich trotz zahlreicher Schicksalsschläge vielleicht ein wenig zu aufsässig verhält.

Dieses Bild des aufsässigen, ich-fixierten Stoffels wird von den Erzählpassagen, die in der Gegenwart stattfinden, allerdings wieder relativiert. Der erwachsene Samir hat zwar durch die Verluste seiner Kindheit ein Trauma zurückbehalten, verhält sich aber auf seiner Suche in Beirut und den ländlichen Gebieten des Libanons, bei der er natürlich auch die sagenumwobenen riesigen Zedern aus den Geschichten seines Vaters besucht, verhältnismäßig organisiert und vernünftig. Er gewinnt neue Freunde, Erkenntnisse über den Libanon und das Leben seiner Eltern, und trifft auf einige Figuren, von denen er dachte, sein Vater, der Geschichtenerzähler, habe sie bloß erfunden: das Dromedar Amir, ein Nashorn, das unbesiegbar im Kartenspielen ist, und Abu Youssef, den Held aller Geschichten.

Ich möchte gar nicht mehr von der Handlung vorwegnehmen. Man mag Jarawan zu großen Pathos vorwerfen, seinem Protagonisten zu viel Egozentrik, und mir persönlich kam das Ende nach der doch sehr langen Einleitung in zwei parallel verlaufenden Erzählsträngen ein klein wenig zu plötzlich, aber dennoch muss ich allen winzigen Mängeln zum Trotz feststellen, dass mich lange kein Roman mehr sprachlich so begeistert und inhaltlich mitgerissen und berührt hat, wie das vor dem Hintergrund der sogenannten Flüchtlingskrise erschreckend aktuelle Am Ende bleiben die Zedern. Bis zum Ende bleibt der Roman spannend und voll unerwarteter, schöner wie tragischer Wendungen, ohne auch nur einmal langweilig oder zu langatmig zu werden. Daher vergebe ich zum ersten Mal in der Geschichte meines Blogs aus vollem Herzen fünf Federn. 

http://alinaschreibt.blogspot.de/search/label/Formvollendete%20Kalligraphie%21

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