Freitag, 10. März 2017

Als Lily einen historischen Roman schreiben wollte

Lily hat wieder etwas Neues im Sinn, das sehe ich ihr an, wie sie an dem Eingangsportal des Doms steht und auf mich wartet. Ich bin nicht ganz pünktlich und mein schlechtes Gewissen regt sich. Lily funkelt mich hinter ihren Brillengläsern an.
„Was lässt Er mich so lang ausharren an diesem verlassenen Orte?“, fragt sie mit hoher Stimme.

Schweigend betrachte ich die Heerscharen von Besuchern, die in den Eingangsbereich des Doms flüchten, teils aus kulturellem Interesse, teils wohl aus Flucht vor dem kalten Novemberwind und den gelegentlichen Regenschauern. „Sorry, Lily?“
Lily streckt die Nase in die Luft und wendet ihr Gesicht ab.
„Er ist ein Flegel!“
„Ist alles in Ordnung mit dir? Wer ist Er?“
„Eine Dame warten zu lassen… schäme Er sich!“
„Lily…“ Ich fasse sie an den Schultern und schüttele sie kurz durch. „Wer hat dein Sprachzentrum verknotet? Und warum zum Geier wolltest du mich hier treffen? Ja, ich war zu spät. Meine Güte, es tut mir leid.“

Lily seufzt, allerdings wieder auf ihre gereizte Lily-Art, und ich mache mich auf eine Standpauke gefasst. „Ich muss den Geist der Zeit in mich aufnehmen“, erklärt sie mit normaler Stimme.
„Welchen Geist welcher Zeit?“
„Den Geist der Vergangenheit. Ich muss mich einfühlen in die Menschen des Mittelalters.“
„Ach so“, entgegne ich lahm. „Und deswegen sprichst du, als hättest du nie Grammatik gelernt?“
„Nein, deswegen spreche ich… ach, egal.“ Lily schüttelt unwillig den Kopf. „Mir ist kalt, jetzt lass uns reingehen.“ Sie hopst mir voraus und verschwindet im Inneren der riesigen Kirche. Resignierend folge ich ihr.

„Also“, flüstere ich, als ich sie eingeholt habe, relativ unbeeindruckt von den hohen Gewölben, den Wandmalereien und dem ganzen anderen Tand. „Warum wolltest du hier herein? Du hast das doch auch schon zigmal gesehen.
„Wie gesagt“, raunt Lily zurück und kramt in den Taschen ihres Parkas nach irgendetwas, „der Mittelalterlichkeit wegen.“
„Warum auf einmal Mittelalter? Wir leben im dritten Jahrtausend!“
„Ich schreibe an einem historischen Roman! Ah, endlich.“ Lily zieht ein paar Münzen aus der Tasche, steckt sie in die Halsabschneiderdose am Kerzenpult und zündet ein Teelicht an. Der Kerzenschein spiegelt sich in ihren Augen und sie lächelt, doch irgendwie kann ich ihre Begeisterung für Wachslichter nicht teilen.
„Für wen ist das denn?“, frage ich.
„Für meine Muse“, entgegnet sie.
„Wieso, ist die verstorben? Mein Beileid.“
„Trottel“, sagt Lily. „Ich hoffe, so gibt sie sich ein wenig Mühe.“ Sie tappt in Richtung der Bänke, bahnt sich den Weg durch eine Gruppe Chinesen oder Koreaner mit Fotoapparaten und lässt sich in der letzten Reihe nieder. Ich setze mich neben sie und eine Zeitlang starren wir beide stur in Richtung Altarraum, der bei der Größe des Hauptschiffs kaum auszumachen ist.
„Also“, frage ich schließlich, „warum sind wir jetzt hier?“