Montag, 24. Juli 2017

Montagsfrage: Gay Romance oder - da war doch was...

Die Montagsfrage ist eine Aktion, die regelmäßig auf dem Buchfresserchen-Blog stattfindet. Jeden Montag wird eine Frage rund ums Thema Bücher gestellt, die man dann innerhalb einer Woche auf seinem eigenen Blog beantworten kann. 
http://buch-fresserchen.blogspot.de/p/montagsfrage.html

  

Welche Erfahrungen habt ihr mit Gay Romance gemacht? Was reizt euch daran, was stößt euch ab? Habt ihr Lesetipps?


Okay. Oooookay. Ich weiß, dass ich immer nur nach Lust und Laune mal auf die Montagsfragen antworte, aber bei dieser hier kann ich (im Nachhinein) dann doch nicht darauf verzichten. Gay Romance - nein, ich lese sie selbst nicht, ich bin im Ganzen kein großer Romance-Fan, aber ich habe schon einige Romane und Novellen aus dem Gay-Romance-Genre übersetzt. Und was soll ich sagen - ich muss es mit den Worten einer meiner Dozentinnen ausdrücken: "Glaubt mir, wenn ihr erst einmal einen ganzen Roman übersetzt habt, dann fangt ihr, ob ihr es wollt oder nicht, an, ihn zu mögen." 

Wie Recht sie doch hat. 

Meistens. Ich muss zugeben, es ist keine große Freude, zig Seiten mit Sexszenen und den immer gleichen schlappen (haha) Formulierungen zu übersetzen, aber Gott sei Dank sind die meisten (nicht alle) Autoren, die ich bis jetzt übersetzt habe, relativ (relativ...) sparsam mit dem Herumgevögel umgegangen. Nicht, dass ich Sexszenen grundsätzlich abgeneigt wäre - es ist nur in vielen dieser Werke so, dass die meisten Liebesakte die Handlung nicht wirklich vorantreiben. Ein beliebiges Raus und Rein, um Seiten zu scheffeln, so kommt es mir manchmal vor, und dann sitzt man da, soll diese Texte übersetzen und fragt sich: "Haben wir im Deutschen eigentlich irgendein vernünftiges Wort für 'Penis'?"

Und die Antwort bleibt die immer gleiche: Nein, verdammt, wir haben zwar einen verdammt großen Pool an Wörtern, die das männliche Geschlechtsorgan umschreiben, aber kaum eines davon eignet sich zur Beschreibung eines sexuellen Handlungsaktes, der auch gleichzeitig verdeutlichen soll, wie hoffnungslos einander verfallen die Protagonisten doch sind (und das sind sie immer). Will man da Wörter wie "Pimmel", "Schwengel" oder "Pipimann" lesen? Oder gar "Fleischpeitsche", "Gaudizapfen" oder "Muttermundkontaktbolzen"? (Alle schon gelesen!) Nein, will man natürlich nicht. Und Letzteres passt schon überhaupt nicht in den Kontext. 

Ich bin mittlerweile zur (fast ausschließlichen) Verwendung von "Glied" übergegangen. Das funktioniert. Vielleicht noch "Schwanz", wenn es ganz pornorös zugeht. Ziehen sich diese beiden Wörter aber über sechs, sieben Seiten, dann fragt man sich übersetzenderweise irgendwann nur noch, was man da eigentlich macht.

Gott sei Dank gibt es aber auch Ausnahmen. Natürlich, die meisten dieser Werke sind keine hohe Literatur - aber sie sind auch nicht immer so platt und katastrophal, wie anhand der Titel (und auch Buchcover) gerne angenommen wird. Einige Werke bedienen wirklich jedes Klischee, sind überfrachtet mit Erotik und ausnahmelos alle Protagonisten sind entweder zart besaitet und sensibel oder übertrieben maskulin, muskulös, herb und unnahbar. Meistens in Kombination. Starker, mysteriöser Er trifft auf verzweifelten, unsicheren Ihn und schon ist's um beide geschehen. 

Von mir aus. Hetero-Liebesgeschichten sind auch selten weniger klischeebehaftet. Bis jetzt konnte ich mich auch tatsächlich mit fast allen Protagonisten anfreunden, deren wilde Abenteuer ich übersetzen durfte. Über hundertfünfzig Seiten hinweg wachsen einem die Jungs dann doch irgendwie ans Herz. Und Herz ist es auch meistens, womit und wofür diese Geschichten geschrieben wurden. Wer mit dem Kopf liest (so wie ich), für den ist dieses Genre wohl nicht gemacht (deswegen bin ich auch selbst kein Gay-Romance-Leser). Wer aber nur nach einem rührenden Plot sucht, um den Kopf ein wenig freizubekommen, der kann durchaus auf die ein oder andere unerwartete Perle stoßen.

Eine Perle, die ich vor etwa einem Jahr übersetzt habe, ist Black Hawk Tattoo von Aundrea Singer. In dem Roman geht es weniger um die Liebesbeziehung der beiden Protagonisten (tatsächlich gibt es nur ein, zwei kurze und oberflächliche Erotikszenen), sondern vielmehr um Jakes Verarbeitung seiner posttraumatischen Belastungsstörung, nachdem er aus dem Irakkrieg zurückkehrt, und die Rolle seiner Familie und der sich neu anbahnenden Liebesbeziehung im Zuge seines Verarbeitungsprozesses. Wie (viele) andere Gay-Romance-Romane wurde Black Hawk Tattoo von einer Frau verfasst, romantisiert aber mitnichten die männliche Homosexualität, sondern widmet sich eher den psychischen und sozialen Problemen der Kriegsveteranen. Die Liebesbeziehung tritt hier auf angenehme Weise in den Hintergrund - vielleicht macht das den Roman ja zu einem guten Einstieg in das Genre. 😉 

Jetzt aber genug der Eigenwerbung. Wie sieht es bei euch aus: Gay-Romance-Leser oder "Pfui, geh mir weg mit dem Kram!"?

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